Deutschland Thüringen Ilm-Kreis

Gehlberg


Abbildung bei
Störzner (1988)

PLZ: 68559

GPS: N 50° 39,935', O 10° 45,999'

Standort: Von der Schmücke aus Richtung Oberhof auf der Straße gehen (ca. 900m). Dann der Ausschilderung zum Schneekopf folgen. Der "Jägerstein" befindet sich unterhalb des Gipfels auf einem rechten Seitenweg (gut ausgeschildert).

Größe / Material: 96:40:16-17 / Sandstein

Geschichte: Eine Frage drängt sich bei der Betrachtung dieses Denkmals und seiner Geschichte auf: Wieso hat ein 19-Jähriger Lehrling bereits das Privileg einen kapitalen Hirsch zu jagen und zu schießen? Das durfte in dieser Zeit nur der Hochadel und gerade der war sehr auf Jagdprivilege bedacht. So mussten die Bewohner des in der Nähe gelegenen Dorfes Lütsche ihre Häuser abbrechen, weil der Gothaer Herzog dadurch Ruhe in sein Privat-Jagdgebiet bekommen wollte. Die Leute waren so arm, das sie ihr Überleben durch Wilderei absicherten. Wir werdens wohl nicht ergründen, vielleicht war es doch eher eine Familientragödie? Immerhin hat der Vorfall dann (nach Greiner 1935) zu einer Oper geführt... (Beck 08/2009)

Benennung: "Jägerstein". Gedenkmal für den am 16. September 1690 "unversehens" und "in Verblendung eines Hirsches Gestalt" von seinem Neffen erschossenen Förster Johann Valentin Grahner aus Gräfenroda. Der Stein ist von einem flachen Steinhaufen und Reisig umgeben. - Aufgrund des Standortes an einem beliebten Wanderweg (Rennsteig) ist das Denkmal sehr bekannt.
Bis 1971 stand der Gedenkstein etwa 1200m nö. des jetzigen Standortes, etwa 270m unterhalb des Schneekopfes.
Gleichmäßig bearbeiteter Steinblock mit viereckigem Querschnitt und gerundetem Scheitel.
Westsüdwestseite,
eingeritzt:
ANNO
1690 d 16
Sept
Is
[t] [H]err Johann
Valentin Grahner
f. S. F. Zu Grafen
roda durch sei
nen Vetter F.
Ostnordostselte,
eingeritzt:
F. Als
Schwester
Sohn Johann
Caspar Creiner
unversehns all
hier erschoßen
worden
Darunter, aus einem flach vertieften Feld plastisch herausgearbeitet: drei liegende Kreuze. Darunter eingeritzt: Jagdhorn. (F.S.F. = Fürstlich-Sächsischer Förster ). Am vorherigen Standort 1965 durch Zella-Mehliser Berufsschüler neu aufgestellt und instandgesetzt (Urzynicok 1965, mit Abb.). Oberhofer Naturfreunde brachten den am alten Standort gefährdeten und nicht mehr zugänglichen Stein 1971 an die jetzige Stelle. - Abgesehen von geringfügigen Abschlägen, besonders an den Kanten, befindet sich das Denkmal in ausgezeichnetem Erhaltungszustand.
Sterbeeintrag 1690: "den 16. Septembr. ist der Fürstl. Sächs. Forst=Knecht H. Johann Valentin Grahner Seel. abends nach 4. Uhren von seinen Vetter Caspar dem Läuffer im Walde am Schneekopff in Verblendung eines Hirsches Gestalt an den Schlaff durch den Kopff geschoßen worden, da Knall und Fall eins geweßen, und alsbald todt blieben, so den 19. dießes alhier Christlich zur Erden bestattet worden, seines Alters 34. Jahr und 20. Wochen." (Pfarrarchiv Gräfenroda, Kirchenbuch Gräfenroda, Jg. 1690).
Der Jägerbursche Johann Caspar Greiner soll mit einer verzauberten, gläsernen Kugel auf einen Hirsch geschossen, stattdessen aber den Förster Johann Valentin Grahner getötet haben. Dieser war auf die Schießkünste Greiners, der sein Neffe war, neidisch und hatte durch Zauber dafür gesorgt, daß dieser den stattlichen Hirsch vorher nie treffen konnte. Daraufhin hatte sich Greiner die gläserne Kugel verschafft, (ausführlich Bechstein 1837; Rübesamen 1879 und andere.) Die Sage ist sehr bekannt; ihr Entstehen in dieser Form ist sicherlich auf die eigenartige Formulierung des Sterbeeintrages zurückzuführen. - Gräser (1935) nimmt die Sage sogar als Quelle für Carl Maria von Webers Oper "Der Freischütz" in Anspruch. - Greiner habe seinen Onkel versehentlich erschossen, als dieser ihn beim Schlafen während des Jagdganges wecken wollte (Schenk 1974; auch mündlich gut bekannt).
Das historische Geschehen ist von Rudolf Baumbach dichterisch verarbeitet worden. (Störzner 1988)

Der Jägerstein am Schneekopf
Unmittelbar am Schneekopfturm, im sogenannten "Teufelskreis" steht ein Jägerstein, dessen historische Bedeutung nur wenigen bekannt sein dürfte. Ueber zweihundert Jahre stand er in einem Dickicht und war nur Förstern und Holzhauern bekannt. 1895 ließ Staatsminister von Hentig eine Schneise nach dem Denkmal schlagen. Seitdem ist der Stein vom Wege aus sichtbar. Seine Inschrift ist teils auf der Südseite, teils auf der Nordseite angebracht und lautet:
"Anno 1690 d 16 Sept. Ist Herr Johann Valentin Grahner F:S:F (das bedeutet Fürstlich Sächsischer Förster) zu Gräfenroda durch seinen Vetter F:S:F Als Schwester Sohn Johann Kaspar Greiner unversehens allhier erschossen worden" (Folgen drei Kreuze und ein eingemeißeltes Bild eines Jagdhorns.)
Die wirkliche Begebenheit ist die folgende: Der Unglücksschütze Johann Kaspar Greiner, ein neunzehnjähriger Jüngling, war bei der Försterei zu Gräfenroda als Forstlehrling angestellt. Anfang September 1690 zeigte sich ihm am Schneekopf ein kapitaler Hirsch. Sechsmal schoß er vergeblich auf den Sechzehnender. Er fehlte jedes Mal, obwohl er ein guter Schütze war. Aber immer wieder stellte sich der Hirsch, morgens wie Abends. Zuletzt wurde der Bursche mutlos und getraute sich nicht mehr zu schießen. Sein Vetter Grahner, ebenfalls Förster in Gräfenroda, hänselte ihn darum. Kaspar nächtigte damals in der Glashütte zu Gehlberg und erzählte dort sein Missgeschick. Ein alter Glasbläser meinte dazu: "Kaspar, Du bist verhext! Ich will Dir eine Kugel aus Glas gießen, und - Du wirst sehen - damit triffst Du! Nur muß der Guß mit Menschenblut gemischt werden." Dem Kaspar gefiel der Vorschlag des Alten und er willigte ein, dass dieser eine solche Glückskugel gießen möchte, zumal, wie er hinzufügte, seine Braut aus Stützerbach im schmolle (Greiner stammte aus Stützerbach), eben darum, weil er ein schlechter Schütze sei. Der alte Glasbläser ließ sich schröpfen und goß mit seinem Blute eine Kugel, die er dem Kaspar aushändigte. Am 16.September ging Kaspar mit der Blutkugel im Lauf auf die Pirsch. Sein Vetter Grahner wusste um die Geschichte und begleitete ihn. Sie stiegen den Schneetiegel hinauf durch die Wolfsschlucht, heute "Hölle" genannt. Im Teufelskreis stellte sich alsbald der Hirsch, indem er aus dem Dickicht ausbrach. Es dunkelte bereits, als Kaspar schoß. Er glaubte den Hirsch getroffen zu haben. Als er herbeikam, sah er seinen Onkel im Blut schwimmen. - So weit die Tragik.
Der Dichter Kind hielt diese wahre Begebenheit fest und kein geringerer als Karl Maria von Weber verwendete den Text zu Deutschlands beliebtester Oper "Der Freischütz".
Die "Hölle" ist Thüringens wildromantischste Schlucht. Wegen der Steile und Enge betritt sie selten ein Menschenfuß. Drohend hängen riesige Felsklötze zu beiden Seiten eines wilden Gebirgsbaches. Man möchte fast annehmen, dass Weber die Schlucht besucht hat. Ob ihm nicht in den Sinn gekommen ist:
"Und ob die Wolke sie verhülle, die Sonne steht am Himmelszelt. Es waltet dort ein heil'ger Wille, nicht blindem Zufall dient die Welt".
Unter dem Text in der Steininschrift stehen zwei waagerechte Kreuze und darunter ein Jagdhorn eingemeißelt. Unwillkürlich denkt man dabei an das Lied aus "Der Freischütz": "Was gleicht wohl auf Erden", wo es im zweiten Vers heißt:
"Beim Klang der Hörner im Grünen zu liegen, den Hirsch zu verfolgen durch Dickicht und Teich." So hat der "Freischütz" seinen historischen Hintergrund im grünen Herzen.
Mögen diese Zeilen dazu beitragen, dass sich die eifrigen Geschichtsforscher unserer Zeit noch weiter und eingehender mit dem Jägerstein im Teufelskreis entsprechend seiner historischen Bedeutung befassen. (Gräser 1935)

Sage: Da lebte ein Förster, der sich mit einem seiner Jägerburschen nicht vertragen konnte. Nun ließ sich um diese Zeit zuweilen ein mächtiger Hirsch im Revier sehen. Alltäglich empfing der Bursche erneute Anweisung, denselben zu schießen, doch das Unglück wollte es, dass er jedes Mal mit leeren Händen am Abend heimkehrte. Der Spott des Alten aber nahm jeden Tag an Schärfe zu. Das reizte den Burschen und er vertraute sich einem Freunde an, der ihm anrieth, in der Glashütte zu Gehlberg sich eine Freikugel gießen zu lassen. Das geschah auch. So kam der verhängnißvolle Abend. Hinter einer Tanne verborgen, harrte der Bursche des Augenblickes, wo der ersehnte Hirsch auf die Bergwiese hervortreten würde. Und da knackt und raschelt es im Gebüsch, und im nächsten Augenblicke stand das mächtige Thier am Waldesrande. Da Dampf und ein dumpfer Knall, der das Echo der Berge weckt. Getroffen sinkt der Hirsch mit zerreißendem Wehlaut nieder. Denn als der Jägerbursche herbeieilt‘, sieht er seinen Herrn und zukünftigen Schwiegervater sich im Blute wälzen. Des Teufels Zauber hatte der Freikugel das Ziel gegeben! (Trinius 1899)

Quellen und Literatur:
Bechstein, Ludwig - Der Sagenschatz und die Sagenkreise der Thüringerlandes, Meiningen / Hildburghausen 1837, S.151-152
Rübesamen, F.W. - Henneberger Sagenbuch, Suhl 1879, S.85-86
Trinius, August - Der Rennstieg - Eine Wanderung von der Werra bis zur Saale, 2. Aufl., Minden i. W. 1899, S.174-175
Gräser, W. - Der Jägerstein am Schneekopf, in: Thüringer Monatsblätter, 43.Jg., Eisenach 1935. Nummer 9, S.158-159.
Störzner / Möbes - Steinkreuze in Thüringen: Katalog der Bezirke Gera und Suhl, 1988, Nr.99 (Suhl)
recherchiert und bebildert von Ulrich Baltes, Suhl
Ergänzungen von Manfred Beck, Wutha-Farnroda


Sühnekreuze & Mordsteine