[...] Zunächst stellen sich die allgemeinen Bezeichnungen, die an die großen
Kriegsereignisse anknüpfen, wie Schweden-, Panduren-, Kosaken- und Franzosenkreuz, zu dem anscheinlichen weit
höheren Alter der verwitterten Denkmäler offensichtlich in Widerspruch. Auch bedarf es nur eines flüchtigen Einblickes in die Geschichte der sächsischen Städte und
Dörfer, um selbst dem Laien sofort klar werden zu lassen, daß unsre durch Kriegsgreuel unmenschlichster Art geängstigte, gebrandschatzte und dezimierte
Bevölkerung im Laufe des Dreißigjährigen Krieges, ebenso wie in den verschiedenen Franzosenkriegen wahrlich Notwendigeres zu tun gehabt hat, als den
fremdländischen Mordbrennern auch noch Denkmäler zu errichten. Obendrein kehrt die Sage von den gefallenen "Großen", von General, Oberst und Offizier aus
den Schweden- oder Franzosenkriegen so dutzendfältig wieder, daß die alten Heere ihre toten Anführer eigens alle nach Sachsen geschafft haben müßten, um
sie hier zu begraben; dazu erinnere man sich ferner der Tatsache, daß gerade hier die Altertümer verschiedenartigster Sorten, ja sogar die natürlichen Felsgrotten
der Sächsischen Schweiz vom Volke oft ohne ernsthaften Anhalt als Schwedenschanzen, Schwedenstein, Schwedenhöhlen usw. bezeichnet werden. Zu völliger
Bedeutungslosigkeit sinkt die Sage aber hauptsächlich dort herab, wo - wie z.B. in Langenhennersdorf
auf dem angeblichen Franzosengrabe von 1813 - Armbrüste, mittelalterliche Schwertformen und ähnliche Geräte früherer Herkuuft am Kreuze selbst zu finden sind.
Einer besonderen Prüfung bedarf es nur dann, wenn krumme Hiebwaffen von scheinbar neuzeitlicher Säbelgestalt vorkommen und offenbar mit der Volkserinnerung
im Einklang zu stehen scheinen. Das ist z.B. bei dem kleinen Kreuz von Oberhäslich und
bei dem großen Block von Commerau der Fall. Bei dem ersteren erzählte mir der ackernde
Bauer selbst die Mär vom napoleonischen Oberst; da unweit davon noch ein stattliches Obeliskendenkmal, das sogenannte Tartarengrab, mit wortreicher Inschrift
an "Mustapha Sulcevicz, Premier-Leutn. unter den Kngl. poln. und churfürst. Sächs. Pulk-Ulanen" erinnert, der am 1. Juli 1762 hier bei einer Attacke erschossen
worden ist, so wäre immerhin ein zeitlicher Zusammenhang mit diesem Steine aus der Zeit Friedrichs des Großen und dem säbelgeschmückten Kreuz denkbar.
Schaut man sich jedoch auch einmal in der zünftigen Waffenkunde etwas näher um, so macht man die Entdeckung, daß das krumme, plumpe Haumesser, dem
jene rohe Kreuzsteinzeichnung weit eher gleicht als einem eleganten Reiteroffizierssäbel, bis zum Dreißigjährigen Kriege die landesübliche Handwaffe uusrer
bäuerlichen Bevölkerung gewesen ist. [...]
(Kuhfahl, Dr. G.A. - Die alten Steinkreuze in Sachsen, 1928, S.174-176)
Schwedenkreuze: Zur Erinnerung an den
Westphälischen Frieden errichtet (1648). Der Dreißigjährige Krieg hat so tiefe Spuren im Volke hinterlassen, daß viele Male, die einen ganz anderen Errichtungsgrund
haben, von der Landbevölkerung noch heute Schwedenkreuz genannt werden. Das sogenannte Schwedenkreuz in Gars z.B. zeigt Stilformen, die uns nötigen, seine
Entstehungszeit lange vor das Jahr 1648 zurückzuverlegen, und auch das einfache Steinkreuz bei Reinprechtspölla
(Abb.8), von dem erzählt wird, daß dort eine Bäuerin einen
sie bedrängenden schwedischen Soldaten mit der Mistgabel erschlug, dürfte nur ein Unfallskreuz sein. Die auf dem Kreuze eingemeißelte Gabel, die wahrscheinlich
den Anlaß zur Bildung der Sage gab, ist entweder die Ursache des Unfalles gewesen oder sollte den Berufsstand der verunglückten Person bezeichnen (also ein
Landmann).
Wir müssen bei dieser Gelegenheit auf einen Brauch aufmerksam machen, der leicht zu irrtümlichen Annahmen über den Entstehungsgrund
und die Entstehungszeit der uns interessierenden Male führen kann. Statt neue Säulen aufzurichten, pflegte man früher gerne ein Ereignis auf die Weise festzuhalten,
daß man eine darauf bezughabende Inschrift oder Jahreszahl auf ein bereits früher aus irgend einem anderen Anlasse errichtetes Mal anbrachte. Vielfach war ja der
ursprüngliche Errichtungsgrund nicht mehr bekannt und die Säule daher zur neuen Verwendung umso willkommener. Das Mandat Ferdinand III. vom 16.9.1650, das
anläßlich des Westphälischen Friedens erlassen wurde, enthielt sogar die Aufforderung, die Inschrift auf bereits bestehende Säulen anzubringen:
"Das Gott zu Ehren und Danksagung, und auch zu lobwiirdigen Gedächtnis an den Straßen, Plätzen und Wegscheiden die steinern oder andere Creutz und
Bett-Marter-Säulen, welche die alten Gottseligen Christen durch das ganze Deutschland aus sonderen Christlichen Bedenken auf denen Wegschaiden aufrichten
lassen, die an vielen Orthen umgefallen, oder auch sonsten niedergerissen worden, jeder auff seiner Jurisdiktion und soweit sieh jeder Gebieth und Freiheit erstreckt,
inner zwei Monat wieder aufrichten lassen."
Ferner sollte ein Kruzifix angebracht werden, sowie eine Tafel mit folgendem Reim:
"Lob, Preiss und Dank dem Frieds-Gott
Der uns hat gefürth aus der Krieges Noth." |
Solche Schwedenkreuze haben sich erhalten in Baden bei Wien, Hollabrunn, N.Ö., Linz, O.-Ö., Zwettl, N.-Ö., und an vielen anderen Orten. Das Schwedenkreuz in
Mödling (Abb.10) vom Jahre 1650 wurde im Jahre 1875 abgerissen.
(Hula, Franz - Die Bildstöcke, Lichtsäulen und Totenleuchten Österreichs, 1948, S.36-37)
[...] Bekannt ist ja der Unfug, den unsere Bauern mit der Bezeichnung "Schweden" treiben. Die Tumuli der
prähistorischen oder Quadenzeit heißen Schwedenhügel, Schwedenschanzen, die wahrscheinlich auch in prähistorische oder germanische Zeit zurückgehenden
Erdställe sollen Zufluchtsstätten zur Schwedenzeit sein; fragt man die Bauern, wer diese oder jene Burg zerstört habe, sagen sie: die Schweden. Darum heißen auch
viele Säulen "Schwedensäulen oder Schwedenkreuze". In einigen Fällen stimmt die Bezeichnung; es gibt, wie wir noch sehen werden, tatsächlich Säulen, die zur
Erinnerung an die Schwedeninvasion des Jahres 1645, noch mehr an den westphälischen Frieden errichtet sind, in vielen Fällen stimmt die Bezeichnung jedoch nicht.
Ein besonders ekklatantes Beispiel ist das sogen. Schwedenkreuz bei Mistelbach, welches rein gotische Formen hat, folglich vermutlich aus dem XV.Jahrhundert
stammen dürfte! Ähnlich verhält es sich wohl auch mit dem Schwedenkreuz bei Gars. [...]
Die wirklichen Schwedensäulen wurden zur Erinnerung an den endlich erfolgten Friedensschluß errichtet, sie tragen meist die Zahl 1650;
manche eine noch spätere, z.B. die in Oberhollabrunn 1657 und danken in der Inschrift Gott für die Errettung aus Kriegesnot.
(Vancsa, Dr. Max - Über Bet- und Denksäulen in Niederösterreich, in: Berichte und Mitteilungen des Altertums-Vereins zu Wien, Band XXXIX, 1905, S.105)
Häufig wurden in späteren Epochen bei längst vorhandenen Sühnekreuzen fremde Soldaten begraben, die man auf dem eigenen Gottesacker
nicht haben wollte. Was lag näher, als sie in einem Bereich zu bestatten, der ursprünglich eng mit Gewalt und Tod verbunden war. Deshalb kommt es vor, daß bis heute
immer wieder Skelette und Uniformteile von Schweden, Russen und Franzosen im Umfeld der Kreuze gefunden werden. Dies hat früher zu der falschen Vermutung
verleitet, die Steinkreuze seien Grabkreuze für Kriegergräber.
(Mall, Siegfried - Dämonen machten die Pferde scheu, in: Süddeutsche Heimat, Nr.11 vom 14.01.1995, S.34)
Zudem müßte, wenn zur Zeit des "großen Krieges" die Sitte geherrscht hätte, gefallenen
Kriegern derlei Grabkreuze aufzustellen, doch in irgend einer Geschichtsquelle des siebzehnten Jahrhunderts eine Andeutung darüber zu finden sein. Vergeblich
sucht man darnach, obwohl in vielen Gegenden Deutschlands steinerne Kreuze den Namen "Schweden steine" führen.
(Alberti, Karl - Ueber die Bedeutung der Kreuzsteine insbesondere der Ascher Bezirkes, Asch 1897, S.8)
Im südlichen Teile des Kreises Verden, ungefähr 12-14km von der Stadt Verden entfernt, befinden
sich mehrere alte interessante Grenzsteine, die der Volksmund Schwedensteine nennt. Dieses ist eine Umwandlung des altdeutschen Wortes Schnathstein, was soviel
wie Grenzsteine bedeutet. Diese Steine wurden anläßlich einer Grenzstreitigkeit zwischen dem Grafen Otto VIII. von Hoya-Bruchhausen und dem Bischof Eberhardt von
Verden gesetzt. Die alte Urkunde hierüber vom 19.December 1575 enthielt außer der genauen Angabe der Grenzen noch Bestimmungen über die Ausübung der
Gerichtsbarkeit zu Dorferde (Dörverden, im Kreise Verden) und Jiber (Dübber, im Kreise Hoya) die Fischereigerechtsame auf der Weser und den Zoll. Wie unrichtig die
vielfache Annahme ist, die Steine seien von den Schweden gesetzt, die doch erst nach Abschluß des Westfälischen Friedens 1648 das Bistum Verden in Besitz nahmen,
ist klar genug.
(Heise, E. - Die sogenannten Schwedensteine bei Verden a.d. Aller, in: Niedersachsen, 15.Jg., 1909/1910, 15.01.1910, Nr.8, S.148-149)