Deutschland Hessen Lkr. Bergstraße

Hirschhorn (I)


Abbildung bei
Fr. Mößinger (1936)

PLZ: 69434

GPS: N 49° 26,724', O 8° 54,476'

Standort: Abseits der L 3105 Richtung Eberbach am Ackerrand neben dem Neckar.

Größe / Material: 180:107:23 / Sandstein

Geschichte: Dieses Steinkreuz ist eines der interessantesten der Bestandsaufnahme. Der Standort bezeichnet die Stelle, an der sich der schon vor dem Dreißigjährigen Krieg wüst gewordene Hof Weidenau befand, zu dem das Kreuz offenbar aber keine Verbindung hat.
Trotz erheblicher Beschädigung - der Kopf ist abgebrochen - ist es gut als nasenbesetztes gotisches Kreuz mit achtkantigem Balkenquerschnitt zu erkennen. Das Kreuz ist auf einen rechteckigen Pfeiler gesetzt, der sich im Boden zu einem Fundament verbreitert. Auf der Flußseite ist ein spitz auslaufender Wappenschild mit zwei Schwanenflügeln angebracht, darüber ein Topfhelm mit zwei Flügen als Helmzier. Das Wappen ist schräg gestellt. Der spitz auslaufende Schild ist in Hirschhorn eine Zwischenstufe zwischen dem Dreiecksschild und dem halbrunden Schild. Der Topfhelm findet sich als heraldische Darstellung auf Grabmälern noch im ganzen 14. Jahrhundert, so in Ersheim im Wappen Eberhards l. († 1361). Es sprechen gewichtige Gründe dafür, das Kreuz zwischen 1360 und 1380 zu datieren. Diese Zeit war für Hirschhorn sehr unruhig. Eberhard II. war als Raubritter in Haft und Reichsacht, und seine tapfere Gemahlin Margarete mußte manches wiedergutmachen, was ihr Ehemann verbrochen hatte. Ein Beispiel für eine solche Wiedergutmachung könnte dieses Steinkreuz sein. Nachforschungen über das Wappen ergaben folgende Anhaltspunkte: Karl Langbein glaubt in dem Wappen das der Herren von Hallwyl aus Baden zu sehen. Dagegen wendet sich C. Christ, der darauf hinweist, daß die Hallwyl eine Schweizer Familie aus Baden bei Basel sind. W. Möller hat das Wappen mit der 1687 ausgestorbenen Familie »Nothaft von Hohenberg« (Hochberg, Oberamt Waiblingen bei Ludwigsburg) in Verbindung gebracht.

Sage: An dieser Stelle wurde jemand von seinem Bruder ermordet. Von Reue gepackt, ließ der Täter das Kreuz errichten. Eine typische Steinkreuz-Wandersage. Diese Sage wird später ausgeschmückt und schließlich zur Novelle und zum Roman, die in die Literatur Eingang fanden (A. Schmitthenner: Das deutsche Herz). Kern der späteren Sage: Hier habe ein Ritter von Hirschhorn einen Gefährten erschlagen und zur Sühne das Kreuz errichtet. Sogar den Namen des Erschlagenen erfährt man: einen Ritter von Vellberg.

Quellen und Literatur:
Bormuth, Heinz - Die alten Steinkreuze im Landkreis Bergstraße, 1975, S.59f., Ziff. 2.4
Riebeling, Heinrich - Steinkreuze und Kreuzsteine in Hessen, 1977, S.201f., Ziff. 6519.7
Mößinger, Friedrich - Steinkreuze zwischen Rhein, Main und Neckar, Archiv für Hess. Geschichte u. Altertumskunde N.F. XIX, Darmstadt 1936, S.64f., Ziff. 34
Matthes, Richard - Das Kreuz mit dem Flügelschild, in: Sagen aus dem Kreis Bergstraße, Bensheim 1952, 2. Auflage 1972, S.55, Nr.73 m.Abb
recherchiert und bebildert von Rudolf Wild, Annweiler-Queichhambach / April 2006



Hirschhorn (II)


Das Felsbild neben
der Waldbrudershütte
vor der Beschädigung.
Aufnahme nach
einer Abformung des
Landesamtes für
Denkmalpflege Hessen
im Jahre 1974.

Illustration von
Friedrich Löffler
für Matthes (1952)

GPS: N 49° 27,472', O 8° 52,116'

Standort: A5 Abfahrt Heidelberg, von dort nach Osten auf der B 37 Richtung Eberbach / Hirschhorn. In der Ortsmitte Hirschhorn nach Nordwesten auf die L 3105 Richtung Wald-Michelbach / Langenthal. Nach etwa 2km geht ein Feldweg nach links über den Ulfenbach. Hinter der Brücke führt der Weg zunächst rechts und dann nach etwa 100 m links in eine tief eingeschnittene Schlucht, an deren Nordwand, erreichbar über einen Pfad, die "Waldbrudershütte" liegt.
Oder B 45 von Hanau / Dieburg bis an den Neckar, von dort nach Westen auf der B 37/45 Richtung Heidelberg bis Hirschhorn, ab der Ortsmitte weiter wie oben.
Topographische Karte 1:25000 Bl. 6519 Eberbach (als Naturdenkmal eingetragen);
1:50000 Bl. L 6518 Heidelberg-Nord (eingetragen).
Deutsche Generalkarte 1:200000 Bl. 16.

Größe / Material:

Geschichte: Dargestellt ist eine stehende Gestalt, wahrscheinlich ein Mann. Beide Arme sind in Adorantenhaltung über die Schultern erhoben, die Handflächen weisen zum Betrachter. Der en face dargestellte Kopf zeigt in vereinfachter Darstellung Augen, Nase und Mund. Auf der rechten Schulter sitzt, zum Kopf hin orientiert, ein Vogel. Bekleidet ist die Figur mit einem knöchellangen, schlichten Gewand – wobei der Oberkörper bereits in älteren Beschreibungen als stark verwittert beschrieben wird. Unter dem Saum schauen zwei spitze Schuhe hervor. Die Figur ist etwa 0,77m hoch.
Die Deutung der Darstellung geht in zwei Richtungen: Schon bald nach der "Wiederentdeckung" im 19. Jahrhundert sprachen sich einige Forscher für einen keltischen Ursprung aus – zu offensichtlich erschien die Ähnlichkeit mit Darstellungen auf dem Gundestrupkessel und anderen Arbeiten der Latènezeit. Man brachte die Figur mit einer Quelle am Fuß des Felsens in Verbindung, deren Wasser als besonders heilsam gilt. Noch bis in unsere Zeit hinein sollen Frauen der umliegenden Dörfer in bestimmten Nächten zu dieser Quelle gewallfahrt sein. Nach F. Behn (1925) haftet der Quellzauber, ein Fruchtbarkeitszauber, an vielen Stellen "am Kulte des heiligen Leonhard, der (sicherlich als Nachfolger eines heidnischen Wassergottes) im Odenwald sehr verbreitet ist".
Die zweite Deutung lehnt sich an eine lokale Sage an. Vor vielen Jahrhunderten soll ein Einsiedler namens Leonhard lange Zeit hier in einer einfachen Hütte gelebt haben. Das vorkragende Felsdach, welches vielleicht schon in älteren Zeiten Menschen Schutz geboten hat, war wohl in diese Behausung mit eingebunden – Ausarbeitungen in der Felswand für einen runden Pfosten mit Widerlager sprechen für eine Türkonstruktion. Sowohl der sich bis heute gehaltene Name "Waldbrudershütte" als auch der im Volksmund erhaltene Name "Lengertel" für die Schlucht sprechen für eine Einsiedelei neben dem Felsbild (Lengert ist im Odenwald gebräuchlich für Leonhard). Die Darstellung selbst wird entweder als Bild des Leonhard selbst angesprochen oder als Werk des Einsiedlers, dem eine Ausbildung als Bildhauer nachgesagt wird, gesehen. W. Jorns wies 1973 darauf hin, daß in einer Grenzbeschreibung zwischen Hirschhorn und Weinheim – innerhalb der vermutlich erst im 11. Jahrhundert entstandenen Lorscher Chronik – das Felsbild unerwähnt bleibt, während andere Natur- und Kulturdenkmäler beschrieben werden. Als zweites chronologisches Indiz führt er die gotisch anmutenden spitzen Schuhe an und vermutet eine Entstehung des Felsbildes im 13./14. Jahrhundert. Dieser Datierung darf man sich wohl anschließen.
Leider blieb auch dieses in seiner Art einmalige Kunstwerk nicht vor der immer öfter zu beobachtenden Zerstörungswut verschont: in den sechziger Jahren wurde das Felsbild zweimal schwer beschädigt, so daß der Wanderer nur noch einen Torso vorfindet. Abformungen der Figur sind jedoch sowohl im Rathaus Hirschhorn als auch im Volkskundemuseum Heppenheim zu sehen. Nur auf diesem Umweg ist es heute noch möglich, das Felsbild in einer fast ursprünglichen Form zu erleben. (Göldner 1989)

Sage: Der Sage nach, soll in der Waldbruderhütte ein Einsiedler gelebt haben, der dem Geschlecht derer von Hirschhorn entstammte, jedoch als Findelkind ausgesetzt wurde.

Quellen und Literatur:
Göldner, Holger - Das Felsbild an der Waldbrudershütte, in: Führungsblatt zu dem Felsrelief im Ulfenbachtal bei Hirschhorn (Neckar), Kreis Bergstraße, hrg. von der Archäologischen Denkmalpflege im Landesamt für Denkmalpflege Hessen und der Archäologischen Gesellschaft in Hessen e.V., Wiesbaden 1989
Jakob, Hans - Der Schamelstein bei Kirchleus, 1979, S.20-21
Mößinger, Friedrich - Das Feldbild bei Hirschhorn, in: Schriften für Heimatkunde und Heimatpflege im südhessischen Raum, Hrg. im Auftrag der "Südhessischen Post", Heppenheim 1950, S.3-16
Matthes, Richard - Das Felsbild im Ulfenbachtal, in: Sagen aus dem Kreis Bergstraße, Bensheim 1952, 2. Auflage 1972 - (Die Sage Nr.78 ist zitiert nach Feldkircher, Josef - Die letzten Ritter von Hirschhorn und Handschuhsheim, Heppenheim 1939)
Langheinz, F. - Sagen und Gebräuche der Gegend von Hirschhorn. Archiv Hess. Gesch. Altkde. 14, 1875, S.1ff., bes. S.27f.
Christ, K - Die Waldbrudershütte und die Rockenmahd bei Hirschhorn. Mannheimer Geschbl. 14, 1913, S.67f.
Behn, F. - Urgeschichte von Starkenburg (1925) S.40ff.; (1936) S.25f.
Behn, F. - Jahresbericht der Denkmalpflege im Volksstaat Hessen IVa, 1913-1928 (1930), S.16.
Koch, A. - Vor- und Frühgeschichte Starkenburgs (1937), S.54.
Jorns, W. - Hirschhorn: Waldbrudergrund im Ulfenbachtal. In: Mannheim • Odenwald • Lorsch • Ladenburg. Führer vor- u. frühgesch. Denkmäler 3 (1965) S.105f.
Jorns, W. - Zur Frühgeschichte des Raumes Hirschhorn. In: Hirschhorn/Neckar 773-1973 (1973), S.11ff., bes. S.13ff.
Ders. in: G. W. Sante (Hrsg.), Hessen. Hdb. hist. Stätten Deutschlands 4 (1976) S.222.
Meier-Arendt, W. - Inventar der ur- und frühgeschichtlichen Geländedenkmäler und Funde des Kreises Bergstraße. Inv. d. Bodendenkmäler 4 (1968), S.69.
Dehio, G. - Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler: Hessen (bearb. M. Backes), 1982, S.427.
recherchiert von Rudolf Wild, Annweiler-Queichhambach



Das Felsbild bei Hirschhorn
von Friedrich Mößinger

Das Felsbild im Ulfenbachtal

Anderlingen

Mörstadt

Tübingen

Quedlinburg

Hl. Gregorius

Heidnischer Poet

Mürlenbach

Gondorf

Rom Katakombe

Weltenrichter 15.Jh.

Compiègne

Mithras Heddernheim

Skrydstrup

Irische Buchmalerei

   Wenn man von Hirschhorn am Neckar in dem freundlichen Ulfenbachtal auf der Landstraße nach Nordwesten geht, so findet man nach etwa 2 Kilometern einen Fahrweg, der den Wiesengrund und den Bach überquert und dann senkrecht zum Tal steil ansteigt. Überall liegen rechts und links des Hohlweges Sandsteinblöcke, noch weiter rechts aber erhebt sich, auf einem Fußweg ohne Mühe erreichbar, ein größerer und auffälliger Steinklotz mit überhängenden Felsen und tiefen Spalten. Die hervorragende Ecke einer senkrechten Steinwand zeigt dem Besucher in kräftiger Einmeißelung eine seltsame Gestalt. Man sieht einen Menschen, der beide Arme, in den Ellenbogen scharf gewinkelt, emporhebt, wobei die Handflächen breit nach vorne zeigen. Auf der rechten Schulter, dicht unterhalb der Hand, sitzt, deutlich und klar ausgehauen, ein nicht sehr großer Vogel. Das Gesicht des Mannes ist ziemlich breit und rundlich, unbärtig jedoch mit stark hervortretendem Hals. Ob dies freilich gewollt ist, kann bezweifelt werden, da die starke Verwitterung des ganzen Bildes besonders die Brust und den Körper des Mannes mit seinem langen und weiten Rock hat abbröckeln lassen. Zumal dieser Rock ist nur noch im seinen Umrissen zu ahnen, während die Füße schmal und spitz, recht deutlich zu erkennen sind. Da auch das Gesicht stark verwittert ist, läßt sich nicht mehr sicher entscheiden ob ein Kopfputz irgendwelcher Art vorhanden war. Behn vermutet Hörneransätze beiderseits der Stirn; eine genaue Betrachtung gibt dafür keinen Hinweis. Jung denkt an flatternde Haare oder einen Kopfwulst; auch dies bleibt angesichts des Zustandes der Arbeit unsicher. Als Ganzes bleibt für den heutigen Beschauer das Bild unverständlich, ja befremdend; es läßt sich wegen seiner groben und rohen Gestaltung, noch dazu in dem jetzigen verwitterten Zustand stilistisch nicht einordnen, und inhaltlich entzieht es sich nicht weniger einer befriedigenden Deutung durch Vergleichung von verwandten Darstellungen. Dazu kommt noch, daß die Sage mit dieser Gestalt eine Quelle in Verbindung bringt, die unterhalb des Felsens, dort wo der Wald an die Wiesen der Talsohle stößt, aus dem, Boden rinnt. Sie ist in altertümlicher Weise von bemoosten Sandsteinen eingefaßt und zum Teil überdeckt und spielt im Volksglauben eine besondere Rolle. Man glaubt nämlich, daß Frauen, denen Kindersegen versagt ist, durch, einen Trunk aus dieser Quelle von diesem Fehler geheilt werden und zu dem ersehnten Kinde kommen. "Noch in neuester Zeit pilgerten in gewissen Nächten die Frauen aus den umliegenden Dörfern, teilweise weither, auf verschwiegenen Waldpfaden, um aus der Quelle zu schöpfen". (Behn) Auch dieser Zug, der auf ein uraltes Quellheiligtum deutet, erhöht das Geheimnisvolle der ganzen Örtlichkeit. Dazu kommt noch die weitere Nachricht, daß auch die Berührung des Steinbildes den Frauen Hilfe gegen die Unfruchtbarkeit verleiht, ein Glaube, der sich im Keltischen wie im Germanischen nachweisen läßt und der im Volksglauben auch an anderen Orten sich bis in die Gegenwart erhalten hat (H.v.d. Au, Hess. Blätter f. Volkskunde 1938, 81).

Die Sage

   Die sagenhafte Überlieferung, die an dieser Stelle haftet, ist leider nicht sehr alt, gibt aber dem tiefer Blickenden doch mancherlei Hinweise. Im Jahre 1851 erschien in den "Blättern für Vergangenheit und Gegenwart", dem Beiblatt zur Hanauer Zeitung, eine Novelle von J. Feldkircher: Die letzten Ritter von Hirschhorn und Handschuhsheim. Sie wurde später von Schmitthenner für seinen Roman "Das deutsche Herz" benutzt, der für unsere Betrachtung nicht herangezogen zu werden braucht. Bei Feldkircher heißt es: "Leonhard, der sich nicht weit von seinem Geburtsstädtchen und der Burg entfernen wollte, weil er immer noch hoffte, die Reste seiner Mutter zu finden, zog hinter das sogenannte Drachenbrünnlein (aus welchem, nebenbei bemerkt, alle Knaben in Hirschhorn stammen) hinaus in das Langental. Eine halbe Stunde von Hirschhorn entfernt befindet sich noch jetzt auf einer steilen Anhöhe ein teilweis unterhöhlter Felsen. Hier baute sich Leonhard eine kleine Hütte, die von einem Lindenbaume beschattet, mit Stroh gedeckt war, und arbeitete in derselben wie früher in Hirschhorn." Der Felsen, so fährt später Langheinz in einer Besprechung der Novelle von Feldkircher fort, mit einigen schwachen .Spuren von Leonhards ehemaligem Wohnorte ist noch heute zu sehen und wird vom Volke genannt die Einsiedlerhöhle oder das Waldbrudershäusel. An dem Gestein, noch wahrnehmbar ist in kunstlosen Umrissen Leonhards Bild eingehauen mit einem Vogel, denn er pflegte in der Einsamkeit gerne Vögel zu zähmen.
   Soweit die Sage, der nur noch hinzuzufügen wäre, daß auch auf dem Meßtischblatt Hirschhorn die Stelle mit dem Namen "Waldbrudershütte" bezeichnet ist. Es ist nun offenkundig, daß diese Sage nur als weitgehend verderbt bezeichnet werden kann. Unmotiviert ist die Verbindung mit dem Brünnlein, aus dem die Hirschhörner Knäblein kommen; rein äußerlich erklärt ist der Vogel, der dem Manne auf der Schulter sitzt. Uns aber führt der Name Leonhard weiter. Es kann kein Zweifel sein daß wir ihn nicht als Namen eines Hirschhörner Ritters letztlich zu verstehen haben, sondern daß hinter ihm sich der Heilige Leonhard verbirgt, der im Odenwald in aller Zeit besondere Verehrung genoß.
   Über die tieferen Gründe dieser Verehrung - ob als Befreier der Gefangenen, als Schützer des Viehs, als Pferdeheiliger oder als Patron der Hammerleute in den Eisenwerken - läßt sich nichts Genaues sagen. Beliebt war auf jeden Fall früher der Name Leonhard als Personenname. Es gibt bei uns einen Leonhardskopf bei Güttersbach und bei der Lichtenklinger Kapelle, einen Leonhardsgrund bei Obersensbach, einen Leonhardsberg mit einer Leonhardskapelle bei Hüttental, eine alte Eisenschmelze und der bekannte Lintbrunnen in der Nähe. Die Leonhardkapelle bei dem Leonhardshof zwischen Beerfelden und Falkengesäß war weit berühmt wegen des Heilwassers, und hier haben wir also das gleiche Nebeneinander von Leonhard und Quellkult wie bei unserem Hirschhorner Felsbild. Es darf nun nicht geschlossen werden, als sei die Hirschhörner Gestalt ein mittelalterliches Bild des Heiligen Leonhard. Weder die erhobenen Hände noch der Vogel auf der Schulter ließen sich damit unmittelbar vereinen. Wohl aber hat die Sage durch diesen Namen Leonhard, den sie sogar mit dem eines Einsiedlers und Waldbruders verbindet, den religiösen und kultischen Charakter der Figur im Gedächtnis der Leute erhalten. Die erhobenen Hände erfahren so ihre richtige Deutung. Daß dabei in dem Vogel und dem Kinderbrunnen ein ähnlicher religiöser und kultischer Sinn liegt, wird freilich von der Sage gerade nur geahnt. Auf jeden Fall ist die einzigartige Vereinigung der drei Motive, der erhobenen Hände, des Vogels auf der Schulter und des Kinderbrunnens, nicht nur in den wirklichen Denkmälern, sondern auch in der Sage vorhanden. Sie nun gesondert zu betrachten, wird uns zu weitgehender Klärung führen.

Die erhobenen Hände

   Daß es sich bei dieser ungemein feierlichen und uns allen innerlich verständlichen und vertrauten Gebärde um etwas Uraltes handelt, läßt sich leicht erweisen. Schon die nordischen Felsritzungen der Bronzezeit zeigen Gestalten, die beide Hände heben. Das einzige deutsche vergleichbare Beispiel, der Wandstein einer Grabkammer von Anderlingen, Kreis Bremervörde, der älteren Bronzezeit zugeschrieben, gibt drei Gestalten, von denen die eine dreifingrige Hände emporreckt. Ob es sich hier um Götter handelt, ist nicht ganz sicher, wohl aber, daß etwas Religiöses oder Kultisches gemeint ist. Ähnlich sind eine ganze Anzahl von frühfränkischen Zierscheiben, die einen Reiter mit hoch erhobenen Armen darstellen. Sie hatten ohne Zweifel eine über den reinen Schmuck hinausgehende amulettartige Bedeutung. Der Reiter auf der Scheibe aus Mörstadt in Rheinhessen hat bezeichnenderweise drei Finger durch Ritzung angedeutet, doch soll auf diesen Zug nicht weiter eingegangen werden. Ob sich hinter diesem Reiter, der auch auf Schnallen und Scheiben aus getriebenem Goldblech, manchmal mit einer Lanze, vorkommt, der Gott Wodan verbirgt, ist nicht sicher, aber sehr wahrscheinlich. Im übrigen kennen wir ein Figürchen eines knieenden Germanen, der beide Hände zum Gebet hebt. Auch der bekannte Diedrichstein aus Bingen, der dem 9. oder 10. Jahrhundert angehört, gibt eine Gestalt wieder mit eigentümlich gewinkelt erhobenen Armen. Rätselvoll ist ein Steinrelief, das an der Tübinger Stadtkirche eingemauert ist. Daß es nicht mit dem Kirchenbau entstanden ist, sondern aus früherer Zeit stammt, ist wohl sicher. Was aber die drei Kreise an der Stelle des Kopfes bedeuten, ist wohl nicht befriedigend erklärt. Uns interessieren hier die hochgestreckten Hände, die in Verbindung mit der geheimnisvollen Gestaltung religiöse Deutung nahelegen. Bei dem Quedlinburger Kapitell könnte man eher an eine Laune des Bildhauers glauben, doch gibt der auffällige Vogel immerhin zu denken.
   Es ist nun außerordentlich wichtig, daß diese eindrucksvolle Handhaltung auch sehr häufig auf christlichen Denkmälern zu sehen ist. Auch der Christ betete in der alten Kirche mit offen zu Gott erhobenen Händen. Diese Haltung hat sich sogar bis heute beim "Baumbeten" bewahrt, wenn der Bauer am Gründonnerstag auf seinen Anger hinausgeht, unter einem Baum niederkniet und mit ausgebreiteten Armen sein Gebet verrichtet. Eine Katakombenmalerei des 4. Jahrhunderts stellt Maria mit dem Jesusknaben dar, erhobene Arme und Hände kennzeichnen sie als Betende. In ähnlicher Stellung schon wir in einem Mosaik in Kavenna aus dem 6. Jahrhundert den hl. Apollinaris unter seinen Schafen. Hier mag die Gebärde weniger ein Beten, sondern eher ein Segnen, vielleicht sogar nach einer sehr einleuchtenden Annahme von Güntert ein Walten oder Herrschen bedeuten. Er hat diese Haltung bis weit in die indogermanische Frühzeit zurückgeführt, sie kommt aber auch das ganze Mittelalter hindurch bei den Darstellungen des Weltgerichts vor. Mit weit ausgebreiteten oder geknickt erhobenen Armen thront Christus als Weltenrichter über den Seligen und Verdammten. Ich nenne nur Werke dieser Art an den Kathedralen zu Vezelay und Reims, in Bamberg und Rottweil. Selbst späte Darstellungen des Weltgerichts auf gußeisernen Ofenplatten weichen von dieser Formun des waltenden, richtenden Heilandes nicht ab, und der steirische Bauern0 kalender, der sehr alte Holzschnitte zu den Abbildungen seiner Monats-und Tagebilder benutzt, bringt zum 1. Advent das Christuskind in derselben Haltung, in deutlicher Erinnerung an das Weltgericht. Erwähnenswert, wenn auch letztlich nicht hierher gehörig, sind Gestalten mit hoch erhobenen Armen, die als Füllung des Fachwerks vereinzelt zu finden sind. In Bauerbach, Kreis Marburg, in Wolfach und Jechtingen in Baden sind es Männer, in Niederkleen bei Gießen eine weibliche Gestalt, die als Balkenträger in dieser Form mit den. hier aus äußerlichen, nicht religiösen Gründen erhobenen Armen ausgesägt und leicht geschnitzt sind.
   Rückschauend ist nun zu sagen, daß das Motiv der erhobenen Hände unzweideutig in die Tiefe religiöser Haltung verweist, daß es sich aber nicht auf eine bestimmte Religion und noch weniger auf eine bestimmte Zeit festlegen läßt. Es ist so weit verbreitet, läuft auch auf so vielen verschlungenen Wegen durch die Räume und durch die Zeiten, daß für unser Hirschhörner Felsbild vorläufig dadurch keine Klarheit zu gewinnen ist. Und dies gilt erstaunlicherweise auch für das folgende Motiv.

Der Vogel auf der Schulter

   Der heutige Beschauer des einsamen Bildes im Ulfenbachtal denkt wohl als erstes an Wodan und seine Raben, die ihm auf die Schulter fliegen, um ihm ins Ohr zu flüstern, was sie in der Welt sahen und hörten. Das Bild eines Reiters mit zwei fließenden Raben auf einem germanischen Helm zu Wendel ist denn wohl auch zu recht als eine Darstellung Wodans angesehen worden. Aber auch dem griechischen Apollo war der Wolf und der Rabe heilig. Letzterer meldete ihm die Untreue der Koronis. Und in der Mithrasreligion spielt der Rabe eine besondere Rolle. Als Bote des Sonnengottes überbringt er dem Mithras den Befehl zur Tötung des Stieres und wird deshalb häufig auf den .Kultbildern dargestellt, wie er dem Gölte auf dem Mantel sitzt, deutlich z.B. auf dem in Heddernheim gefundenen Mithrasbild. Daneben aber gibt es germanische Darstellungen auf den Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit, die hierher gehören. Es sind münzenähnliche Goldscheiben, denen man magische Kräfte zuschrieb, wohl wegen der Runeninschriften und der Darstellungen von göttlichen Wesen, die sie trugen. Besonders schön und unserem Felsbild am nächsten verwandt ist der Brakteat vom Skrydstrup. Man sieht da einen Mann zwischen einem Hirsch und einem Wolf. Er hebt beide Hände. Ein Vogel scheint ihm ins Ohr zu flüstern. Eigenartig ist der zweite Vogel, der als eine Zier seines Helmes zu denken ist, vielleicht aber aus einem Mißverständnis des zweiten Wodansraben zu erklären ist. Daß heidnisch-germanische Anschauungen in das Christentum hineinwirken, zeigen die Schilderungen von Christi Taufe. Während die Evangelien von einem Herabkommen der Taube sprechen, sagt Otfried, daß sie sich auf ihn niederließ, und im Heliand setzt sie sich auf unseres Herrn Achsel. Eigenartiger und wohl noch mehr vom Germanischen her bestimmt ist das Mittelstück eines frühchristlichen Grabsteins aus Gondorf an der Mosel. Auf den Schultern eines Priesters, ihre Schnäbel nach seinen Ohren reckend, sitzen zwei Vögel, ohne Zweifel hier nicht ohne besondere Bedeutung angebracht. Wenn man sie als Bringer des göttlichen Geistes in der Art des Heiligen Geistes als Taube auffaßt, so bleibt doch ihre Zweiheit sehr auffällig und am ehesten aus Wodanserinnerungen erklärlich. Spätere Darstellungen von göttlichen Inspirationen bei heiligen Männern geben denn auch nur einen Vogel, so etwa die Taube am Ohre des hl. Gregor in einem Sakramentar Kaiser Heinrichs II. und Bilder des hl. Augustin und des hl. Thomas von Aquino. Ein hübsches Kindermärchen aber hat zwei Vögel festgehalten. Es handelt von einem Grafensohn, der drei Sprachen, die der Hunde, der Vögel und der Frösche erlernt. Er wird schließlich Papst in Rom, als sich wunderbarerweise zwei schneeweiße Tauben auf seine Schultern setzen. "Die sagten ihm alles ins Ohr". Hier ist die enge Verwandtschaft mit dem Wodansmythos noch sehr deutlich.
   Bezeichnenderweise kommt aber auch die abschätzige Meinung dieser. als unchristlich empfundenen Vögel in manchen Denkmälern zum Ausdruck. Der Unhold von Mürlenbach mit den beiden Vögeln ist dafür ein gutes Beispiel. Ein ähnliches Bild muß auch in Niederkirchen in der Pfalz und in Zürich vorhanden sein. Und schon ein gallo-römisches Relief in Compiègne zeigt eine Gestalt, der zwei Vögel auf den Schultern sitzen. Am eindeutigsten aber ist ein Bild, das sich in dem bekannten Buch der Herrad von Landsberg findet. Hier werden unter den sieben freien Künsten auch vier heidnische Poeten gezeichnet, die von unreinen Geistern inspiriert werden. Es sind schwarze hochbeinige, dürrhälsige Vögel, die ihnen auf der Schulter sitzen und ihnen ihre Weisheit ins Ohr sagen. Sicherlich will der Künstler damit Raben kennzeichnen, die ja im ganzen Mittelalter als Teufelstiere galten. Wieso aber gerade die Raben zu dieser Teufelsverbindung kamen, zeigt deutlich eine Stelle in dem Puppenspiel vom Dr. Faust. Der Vogel, der den Pakt vom Teufel zu Faust bringt, ist ein Rabe und wird als Vogel Merkurs bezeichnet. Merkur ist aber die römische Umdeutung des germanischen Wodan. Die Verteufelung dieses Gottes drückt sich also auch in der Verteufelung seines Vogels aus.
   Im übrigen kennen wir Rat gebende Vögel in der Dichtung recht häufig. Man braucht nur an Siegfried zu erinnern. Seltener sind schlechte, heimtückische, also teuflische Ratschläge, wie in Meister Hagens kölnischer Reimchronik von 1270 zu lesen ist. Als der Bischof Engelbrecht Anschläge wider die Stadt plante, hörte er ein Vöglein ein neues Lied singen. "Herr Bischof, wollt ihr Herr sein von Köln der Stadt, über arm und reich all euer Leben lang, darzu will ich euch Rat geben". "Ja, sing an, Vögelchen! Ich will dir folgen." Und nun rät ihm der Vogel, daß er sich heimlich bewaffnen und einen treulosen Überfall auf die Stadt machen soll.
   Aehnlich, aber viel freundlicher sind die vielen Geschichten, wo Vögel eine Botenrolle übernehmen. Bei Liebenden ist es oft die Nachtigall, es kommt aber auch der mit Gold gezierte Falke, wenn auch ein wenig anders gemeint, in alten Liedern vor. Am schönsten und tiefsten aber ist der Mythos vom König Oswald und seinem Raben, dessen Gefieder mit Gold bewunden wird. Der Vogel redet mit seinem Herrn, setzt sich ihm auf Arm oder Achsel und wird als Bote und Werber zu der ersehnten Jungfrau gesandt. In bildlichen Darstellungen des heiligen Oswald, die im Alpengebiet häufiger sind, trägt er regelmäßig einen Vogel auf der Schulter. Von der bösen und teuflischen Natur des Raben, die ihm später beigelegt wird, ist hier noch nichts zu spüren.
   Eigenartig ist eine in Prenzlau gefundene Münze, die Jung abbildet. Man sieht einen schnurrbärtigen Mann, der seine Arme um die Hälse zweier Vögel schlingt. Sie sitzen ihm zur Seite, strecken aber ihre Schnäbel an seine Ohren. In ganz ähnlicher Weise faßt an einem Kapitell in der Marienkirche zu Gelnhausen ein Mann die Hälse zweier Vögel, deren Schnäbel allerdings mehr sein Kinn berühren. Auch in Andernach gibt es an der Pfarrkirche einen Kopf mit zwei Vögeln an den Ohren. Leicht ließe sich die Zahl derartiger Denkmäler noch vermehren; immerhin schien es nötig, so viele hier anzuführen, um die weite Verbreitung des Motivs klar werden zu lassen. Dabei fällt jedoch sofort die Einzigartigkeit des Hirschhorner Felsbildes wieder auf. Keines der Bilder kennt die Vereinigung der erhobenen Hände und des Vogels auf der Schulter. Einzig der schon genannte Brakteat von Skrydstrup ist ähnlich. Allerdings hat man die Handhaltung des Mannes hier nicht als Segensgebärde gedeutet, sondern vermutet, es solle der rufende wilde Jäger charakterisiert werden. Da auf verwandten Brakteaten die eine Hand tatsächlich an den Mund gehalten wird, wahrend die andere herabhängt, ist diese Deutung wahrscheinlich; unser Hirschhorner Relief steht aber dann erst recht allein. Verwandt erscheint nun auch ein Kreuzigungsbild eines irischen Epistolars in Würzburg, dessen Oberteil wir hier abbilden. Auf dem Querbalken des Heilandskreuzes sitzen zwei Vögel, fast so als redeten sie Christus in die Ohren. Ob hier an Boten Gottes zu denken ist, die hier in urtümlicherer Weise die späteren Engel vertreten, oder ob dunkle Erinnerungen an Wodans Vögel lebendig sind, kann nicht entschieden werden. Auf jeden Fall steht auch bei dem Vergleich mit diesem Kreuzigungsbild unser Hirschhorner Felsbild allein.
   Zum Schluß sei noch eine Sage angeführt, die von der Burg Stolzeneck bei Eberbach, also aus nächster Nähe von Hirschhorn, erzählt wird. Das Burgfräulem wurde von einem ungeliebten Freier bedrängt und schließlich von ihm in das Burgverlies geworfen. Da kam ihr zahmer Rabe geflogen und brachte ihr Beeren und andere Früchte. Später befreite der Bruder die Gefangene und kämpfte mit dem Freier, .wobei eine Schar Raben Hilfe leistete. Sie hackten dem Besiegten zuletzt die Augen aus. Hier spielt also der Rabe, ganz nach alter Art, die Rolle eines guten Helfers, Überschauen wir nun noch einmal alle hier beigebrachten Beispiele, so wird klar, daß sich in der Vorstellung von dem Vogel auf der Schulter christliche Züge mit germanischen, gallo-römischen und antiken weitgehend mischen; immerhin scheinen die christlichen sehr stark von germanischen beeinflußt zu sein, vielleicht sogar ganz auf sie zurückgehen, so daß zur Deutung unseres Bildes der Gedanke an Wodan (oder einen keltischen Gott?) naheliegt.

Das Quellheiligtum

   Wenn die Sage von der Quelle unterhalb des Felsbildes berichtet, daß aus ihr die Knäblein von Hirschhorn kommen, so ist dies nicht besonders bemerkenswert. Die Zahl der Quellen, die in Hessen und weit darüber hinaus als Kinderbrunnen gelten, aus denen also nach dem Volksglauben durch den Storch oder ein anderes Wesen die Kleinen geholt werden, ist ungeheuer groß. Neben ihnen treten Felsen oder Bäume, aus denen die Neugeborenen kommen, weit zurück. Viel eigenartiger aber ist die Meinung, daß das Wasser der Quelle im Ulfenbachtal Segens- und Fruchtbarkeitskräfte in sich berge, die man durch seinen Genuß Gewinnen kann. Hier ist urältester Quellkult bis in unsere Tage lebendig geblieben. Es ist nun erstaunlich, daß gerade der Odenwald derartige Anschauungen, wenn auch oft nur resthaft, an mancherlei Stellen erhalten hat. Da ist zuerst die schon genannte Leonhardskapelle aufzuführen, deren Wasser in aller Zeit große Wallfahrten entstehen ließ. Nicht anders war es mit Schöllenbach, wo das kühle Naß unter der Kirche entspringt, heute noch in ebenso mächtigem Strom wie im Mittelalter. In Hesselbach heilte das Wasser der Ottilienquelle Schmerzen des Kopfes und der Augen. Derselben Heiligen ist auch die stark fließende Quelle in Rüdenau geweiht; dort wurde ein römisches Nymphenrelief gefunden, das wohl seit der Erbauung der Kirche in ihre Außenwand eingemauert ist. Man kann vermuten, daß schon die Römer der Quelle ihre Verehrung erwiesen; Steinbild und Heilwasser sind hier vereint wie bei dem Felsbild bei Hirschhorn. Auch in Neunkirchen galt die Quelle bei der Kirche früher als heilkräftig, nicht minder eine Quelle in einer Wiese bei Walderlenbach, zu der man sogar die Pferde zum "Brauchen" trieb. Man denkt dabei, ohne weiteres an den Vieh- und Pferdeheiligen Leonhard. Am wichtigsten ist in diesem Zusammenhang natürlich Amorsbrunn, wo in der Kapelle, die sich wunderbar an den Bergabhang schmiegt, die Erinnerungen an den Kindersegen noch zu sehen sind. Daß hier auch ein Heiligenbild vorhanden ist, das des hl. Amor, erscheint der Hirschhorner Sache irgendwie verwandt. Im Bayrischen Wald gibt es gar eine Wallfahrtskirche, wo der hl. Oswald mit einem Raben auf der Schulter bei einer wundertätigen Quelle dargestellt ist. Wie weit dieses Nebeneinander zurückgeht, zeigt eine Stelle aus dem Leben des hl. Columban, der 615 gestorben ist. Dort wird aus Frankreich von dem Kult an einer heißen Quelle erzählt, an der Steinbilder der heidnischen Burgunden stehen. Im übrigen ist nicht nur germanischer, sondern auch römischer Quellkult bei uns durch Münzfunde besonders gut belegt. Ich nenne nur den Sauerbrunnen von Schwalheim, das Sironabad bei Nierstein, Brunnen bei Andernach, Bonn und in der Eifel. Hie und da findet sich auch ein Steinbild, so besonders altertümlich im Quellhaus zu Niedernau bei Rottenburg am Neckar der eingemauerte Apollo Grannus.
   Ueber den inneren Zusammenhang zwischen Wasser und Felsen gibt uns eine Nachricht aus dem Elsaß Auskunft. "Frauen, welche wünschen, Mütter zu werden, tragen Wasser aus der Mineralquelle von Niederbronn nachts auf die umliegenden Berge mit den zahlreichen Schalensteinen, begießen dort die sogenannten Altäre, eben die Schalensteine damit und legen ein Opfer in die Schalen". (Rütimeyer 1924.) So ähnlich mag man sich auch den Vorgang im Ulfenbachtal vorstellen, wenn auch der Elsässer Brauch weitaus urtümlicher ohne ein eigentliches Kultbild vor sich geht. Daß Quelle und Felsen nicht dicht beieinander zu liegen brauchen, ist bemerkenswert. Man konnte also wohl auch vom Drachenbrünnlein mit seinem Wassergefäß zum Felsbild hinaufsteigen.
   Das Nebeneinander von Quelle und Felsbildern ist nun noch besonders gut zu sehen an drei Stellen in der Nähe von Lemberg in Lothringen. Bei der Bildmühle ist aus gallo-römischer Zeit eine sitzende Frau mit einem Füllhorn in einer Nische eingemeißelt. Die Quelle in unmittelbarer Nähe deutet wohl auf eine Quellgöttin. Auch im Dreibirretal, das seinen Namen nach drei Brunnen hat befindet sich ein Felsbild, in einer Doppelnische zwei stehende Gestalten, hinter denen man ein keltisches Götterpaar vermutet. Die Höhe der Figuren von 1,40 Meter entspricht etwa der des Hirschhorner Bildes. Noch eindeutiger ist die Verbindung einer Quelle mit einem großen Felsbild beim sog. Bumboosebrunnen. Die Gestalten freilich scheinen dem eigentlichen Quellkult wie überhaupt religiösem Urgrund fremder. Man erkennt noch Hirsche, Hunde, ein Wildschwein, Pferdeköpfe und zwei Menschen mit Speer und Bogen ais Brustbilder. In einer kleinen Nische sieht man, dem Wasserkult entsprechend, eine Nymphe mit Amor. Mancherlei Sagen, zum Teil hervorgelockt durch den trümmerhaften Zustand der Bilder, zum Teil auch durch die geheimnisvolle Waldeinsamkeit, leben noch bis heute in der Erinnerung der Bewohner. Zur Klärung der Entstehung tragen sie freilich kaum bei.
   Was nun die Bedeutung des Quellkultes für das Hirschhorner Bild angelangt, so ist auch hier eine eindeutige Entscheidung nicht leicht möglich. Soviel ist jedoch klar, daß weit und tief vor dem Christlichen an dieser Stelle Germanisches oder gar keltische und römische Bräuche wirksam waren und sich über alle äußeren Wandlungen hinweg unverändert fortgeerbt und erhalten haben. Und weiterhin ist klar, daß ihr Urgrund letztlich im Religiösen, in der Verehrung göttlicher Kraft des Wassers liegen muß.

Die Felsbilder

   Nachdem die Betrachtung der Quellheiligtümer uns zum Schluß zu einigen Felsbildern führte, muß nun noch diese Eigenart des Hirschhorner Reliefs besprochen werden. Daß es aus einem natürlich anstehenden Felsen herausgehauen ist, der selbst dabei seine Naturform fast ganz behielt, unterscheidet es ja von allen Altären, Weihinschriften und Standbildern der Römer, nicht minder aber auch von Heiligenstatuen, Gemälden und freistehenden Reliefs des Mittelalters. Hier muß sich eine urtümlichere, naturhaftere, Frömmigkeit ausdrücken. Verwandt sind dabei nicht nur die schon genannten lothringischen Felsbilder, deren Ursprung am ehesten in keltischer Naturreligion zu suchen ist, sondern auch die zahllosen Felsritzungen der Bronzezeit in Südschweden und die der südlichen Alpentäler.
   Freilich sind diese sehr viel primitiver, nicht nur wegen ihrer einfachen Ritztechnik, die keinerlei plastische Wirkung wie spätere Felsreliefs erstrebt, sondern auch wegen ihrer schematischen und stark vereinfachenden Zeichnung. Immerhin deuten sie uns das hohe Alter der Sitte an, deren Wetterführung wir sowohl im Keltischen wie im Germanischen verfolgen können. Daß die römische Steinmetzkunst zwar eingewirkt hat, ist leicht sichtbar. Man spürt dies nicht nur bei dem schon genannten Relief am Bumboosebrunnen, sondern noch deutlicher an einem reichen Felsrelief bei Landstuhl und einem kleineren bei Eppenbrunn, wo drei Gestalten nebeneinander stehen. Einheimisch und wohl keltisch aber muß der Untergrund all dieser Werke sein. Felsbilder bietet auch der bekannte Brunholdisstuhl bei Bad-Dürkheim. Neben zeichenhaften Darstellungen findet man hier auch Menschen und Pferde in flachem Relief. Ob hier germanische Steinmetzen in römischem Auftrag arbeiteten, ist allerdings nicht ganz sicher. Das Christentum scheint eigentliche Felsbilder nicht sehr geliebt zu haben. Nur an den Externsteinen finden wir diese Darstellungsart, hier freilich sehr monumental und eindrucksvoll. Wenn aber die Heiligkeit der ganzen Felsgruppe auf heidnische Zeit zurückgeht, dann könnte sich auch in diesem mächtigen Relief germanischer Brauch in christlichem Gewande erhalten haben. Einfache Felsbilder muß es auch in größerer Anzahl am Brocken im Harz gegeben haben, wie uns alte Walenbücher, die Aufzeichnungen der Goldsucher aus dem 15. und 16. Jahrhundert, melden. Nur eines von ihnen ist bis heute erhalten, der sog. "Mönch" am Brocken, ein sehr flaches Reliefbild eines Menschen, das stilistisch auf eine bestimmte Zeit nicht festzulegen ist.
   Für unser Hirschhörner Felsbild ergibt sich aus all diesen Vergleichen, daß weder römischer noch christlicher Ursprung angenommen werden darf, daß also die Frage nur noch lauten kann: Keltisch oder germanisch? Daß auch hier die Entscheidung nicht leicht, auch nicht eindeutig sein kann, sollen die folgenden Ausführungen erweisen.

Keltisch oder germanisch?

   Zur Beantwortung dieser Frage wäre es wichtig, das Felsbild zeitlich genau festzulegen. Daß das ganze Gebiet in den Jahrhunderten vor Christi Geburt von Kelten besiedelt war, ist sicher. Der Name von Ladenburg geht auf eine keltische Benennung zurück, zahllose Fluß- und Bachnamen ebenso. Noch in römischer Zeit werden dem gallischen Merkur (Visucius bezw. Arvernorix) auf dem Heiligenberg bei Heidelberg und auf dem Greinberg bei Miltenberg Weihesteine gesetzt. Aber gleichzeitig an den gleichen Stellen treffen wir auf Steine für den Mercurius Cimbrianus, unzweifelhaft den germanischen Wodan, der auf diesen Bergen damals verehrt wurde. Daneben zeichnet sich durch die Funde im ganzen unteren Neckargebiet eine ziemlich dichte Besiedlung durch die germanischen Sueben ab, die schon lange vor der Römerherrschaft hier wohl recht friedlich neben und unter den keltischen Helvetiern wohnten. Wenn nun unser Felsbild in diesen ersten Jahrhunderten vor Christi Geburt entstanden ist, dann könnte es wohl keltisch wie germanisch sein. Raben als prophetische Vögel und Quellkult finden sich ähnlich bei beiden Völkern. Vom Inhaltlichen her ist also eine genaue Scheidung unmöglich. Wohl aber scheint stilistisch ein Unterschied zu sein. Es gibt zwei Funde, die sich durch ihre Eigenart als keltisch erweisen und die hierher gehören. Das Fischblasenornament der Steinsäule von St. Goar und eines bei Heidelberg gefundenen Kopfes in Verbindung mit anderem Spiralwerk an der Säule ist untrügliches Kennzeichen dieser keltischen Kunst. Die dargestellten Köpfe nun haben eine eigentümliche Birnform, die auch sonst bei keltischen Kleinkunstwerken vorkommt. Der Kopf von Hirschhorn aber ist ganz anders gestaltet; er ist rundlich, in der unteren Partie breit, fast plump, wie auch das ganze Werk primitiver, urtümlicher, steifer erscheint als etwa die völlig mit elegantem Zierart überdeckte Steinsäule von St. Goar. Es liegt daher nahe, nachdem die Hörner am Kopf der Gestalt sich als sehr unsicher darstellen, an ein Werk der Sueben im Neckartal zu denken. Man kann annehmen, daß sie von ihren keltischen Mitbewohnern vergleichbare Götterdarstellungen kennen lernten; keltische und germanische Götter haben ja auch noch später recht enge Beziehungen gehabt, wie wir am deutlichsten an den Matronen sehen. So mögen also diese Sueben zur figürlichen Darstellung angeregt worden sein und sie auf ihre plumpe, ungeübte Weise ausgeführt haben. Wenn wir auch nicht mit Jung vom „Himmelsgott der Neckarsueben" reden wollen, weil für diese Frühzeit sich ein derartiger Gott nicht beweisen läßt, so liegt doch eine Deutung in einer solchen Richtung nahe.
Es hat nämlich im Jahre 1938 R. v. Kienle in einem besonnenen und klaren Aufsatz über das Auftreten keltischer und germanischer Gottheiten zwischen Oberrhein und Limes im Archiv für Religionsgeschichte Band 35 wahrscheinlich gemacht, daß sich die zahlreichen römischen Weihesteine für Jupiter optimus maximus (IOM) und Juno regina (IR) auf germanische Götter beziehen. Diese Paarheit findet sich in Italien nicht, ist in allen Provinzen selten, drängt sich aber am Rhein und Main, wenn man von den reinen Soldatenweihungen absieht, auffällig in Gebieten germanischer Besiedlung, u.a. auch dem der Neckarsueben, zusammen, während keltische Religionsäußerungen der obergermanischen Weihesteine sich in anderen Räumen besonders stark häufen. Kienle denkt dabei wohl mit Recht an den höchsten Gott der Sueben, der uns später als Ziu überliefert ist und den Tacitus in seiner Germania "regnator omnium deus" nennt. Hinter Juno verbirgt sich wohl die von Tacitus als Erdmutter bezeichnete Nerthus. Wie sehr die oben als Gebärde des Herrschens und Walten gedeutete Handhaltung des Hirschhorner Felsbildes zu diesem alles beherrschenden obersten Gott paßt, ist augenscheinlich. Erinnert sei hier auch noch an den klagenden Ausruf Hildebrands in dem alten Liede: "Wehe nun, waltender Gott!", der uns an ein solches Bild des höchsten Gottes mit hoch erhobenen Händen denken läßt.

Ergebnis

   Nicht ohne Grund wurde der Rahmen der vergleichbaren Denkmäler sehr weiit gespannt. Es erschien nötig, über eine enge Betrachtung; hinauszugehen, weil nur so dem Geheimnis des Felsbildes nahe zu kommen war. Sicher ist vor allem der religiöse Charakter des Dargestellten. Handhaltung und Vogel in Verbindung mit dem Heilglauben erweisen dies klar. Weiterhin scheidet Christliches aber auch Römisches ohne Zweifel aus. Selbst die primitivsten Werke dieser Kulturen zeigen eine andere Gestaltung. Dies ist auch bei den meisten keltischen Arbeiten der Fall, so daß ein frühes germanisches Werk wahrscheinlich ist. Daß dies gerade Im Berührungsgebiet mit den Kelten auftaucht, ist nicht verwunderlich. Eine Klärung fordert zum Schluß noch die seltsame, abseitige und für ein Kultbild fast unverständliche Lage in der Taleinsamkeit. Alles wird sofort klar, wenn man die Quelle als den Ausgangspunkt der Anlage auffaßt. Sie ist naturgegeben, sie läßt sich nicht verlegen, sie sprudelt seit Urzeiten und war wohl allen Siedlern bekannt und lieb. Wie sie zu der Verehrung kam und wann das zum ersten Mal geschah, läßt sich nicht mehr feststellen. Vielleicht haben die einwandernden Germanen ihre Heiligkeit von den Kelten übernommen, vielleicht haben sie diese selber nach allem Glauben erst eingeführt. Auf jeden Fall aber war dieser wohltätige Born die Ursache, daß in seiner Nähe; auf dem Felsen, über ihm, das eigenartige Bild aus dem Stein gehauen wurde.
   Jahrhunderte sind seitdem vergangen. Abgeschliffen und zerstört ist gar viel von dem alten Werk; rätselhaft schaut es den Besucher an; der geheimnisvolle Zauber aber, der das Ganze umwebt, wird noch lange bleiben und immer wieder zu neuer Betrachtung und Deutung anregen.

Archiv für Hessische Geschichte XIV 1879 S. 28, Behn, Urgeschichte von Starkenburg S. 40, Koch, Vor- und Frühgeschichte von Starkenburg S. 54, Schumacher, Aus Odenwald und Frankenland S. 258, Jung, Germanische Götter und Helden 1931 S. 11, 362, Jung in Festschrift Neeb 1936 S. 36.

Nachtrag: Einem Brief von Prof. Dr. E. Krüger, Marburg, verdanke ich wertvolle Ergänzungen,. vor allem den Hinweis auf eine Felszeichnung im Val Camonica in Norditalien, die einen mit einem langen Kittel bekleideten Hirschgott darstellt, ferner die Nennung des Reliefs des keltischen Waldgottes Dispater-Silvanus, bei dem ein kleines Vögelchen zu sehen ist, hier allerdings auf dem Rücken eines Hirsches sitzend. Im Luxemburgischen Müllertal, östlich des Dorfes Waldbillig gibt es ein Relief eines Gottes, der seine Arme zum Kopfe hebt. Wichtiger noch als diese Erweiterungen des Materials sind die Folgerungen, die Prof. Krüger aus der Lagerung dieser Felsdenkmäler zieht. Sie finden sich im Walde in Gebieten, in denen die ursprünglich gallische Bevölkerung später starke germanische Beimischung erhalten hat. Im übrigen Gallien, ja im ganzen übrigen römischen Reich sind solche Walddenkmäler nur ganz vereinzelt anzutreffen. Man muß annehmen, daß der Sinn dafür, die Nähe der Gottheit. im Walde zu empfinden und sie dort anzubeten, offenbar unter den Galliern nur da entwickelt ist, wo sie die naturnahen Germanen in größerer Zahl in ihre Gemeinschaft aufgenommen hatten. So ist also trotz der Anklänge an keltische Götterdarstellungen bei dem Ulfenbachlalbild an einen Gott der Neckarschwaben am ehesten zu denken.

(Schriften für Heimatkunde und Heimatpflege im südhessischen Raum, Hrg. im Auftrag der "Südhessischen Post", Heppenheim 1950, S.3-16)



Hirschhorn (III)


rückseitige Ansicht

Wappen vom
“roten Bild”
Mößinger (1932)

GPS: N 49° 26,327', O 8° 52,411'

Standort: Im Michelbucher Wald an einem alten Weg, der vom Forsthaus Michelbuch nach Nordwesten verläuft und nach ca. 1km die hessisch - badische Grenze kreuzt, auf der der Bildstock steht.

Größe / Material: 280:47:39 / roter Sandstein

Geschichte: Benennung: "Rotes Bild". Der hohe Schaft ist mit breiten Fasen versehen, die unter dem sehr schlanken Häuschen mit 25cm tiefer Bildnische enden. Häuschen und Nische werden durch einen schlanken Kielbogen oben abgeschlossen. Auf dem Kielbogengiebel saß einst ein Kreuz, das abgebrochen, dessen Ansatz aber noch erkennbar ist.
Auf der linken Seite des Häuschens befindet sich als Flachrelief ein Wappen mit sich kreuzendem Abtstab und Schlüssel, die von einem S umschlungen werden, auf der rechten Seite ein gleichförmiges Wappen mit der Geweihstange der Herrschaft von Hirschhorn. Abtstab und S verweisen auf das Kloster Schönau, der Schlüssel auf das Bistum Worms. Aus der Anordnung der Wappen ist zu schließen, dass der "Rotes Bild" genannte Bildstock auch Grenzmalfunktion hatte. Auf der Vorderseite des Denkmals befindet sich die eingerillte Jahreszahl 1524.

Sage: 1. Eine Frau hatte als Folge eines Ehebruchs Vierlinge geboren. Sie verbarg sie in einem Korb, um sie an den Neckar zu tragen und zu ertränken. Am Ort des Bildstocks wurde sie von einem Förster gestellt, welcher die Kinder rettete. Die Frau wurde später am gleichen Ort zu Tode geschleift.
2. Ein ungetreuer Vormund hat sich am Roten Bild erhängt und geht noch heute dort um.

Quellen und Literatur:
Mößinger, Friedrich - Das "Bäckermädel" im Odenwald (mit Abb.), in: Mannheimer Gesch.-Bl., 1932, H.12, Sp.239-242
Mößinger, Friedrich - Das Rote Bild bei Michelbuch, in: Bildstöcke im Odenwald, in: Schriften für Heimatkunde und Heimatpflege im Starkenburger Raum, Heppenheim 1962, S.22-25
Schäfer, Fritz - Die Bildstöcke im Kreis Bergstraße, in: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße, Band 14, 1981, S.55 -56
Schäfer, Fritz - Bildstöcke im Odenwald, Verlag Laurissa, Lorsch, 1999, S.57
Recherche und Fotos von 2000 von Volker Rumpf, Ebsdorfergrund
Ergänzungen von Rudolf Wild, Annweiler-Queichhambach



Das Rote Bild bei Michelbuch
von Friedrich Mößinger

   Im Walde westlich von Hirschhorn, unweit des Forsthauses Michelbuch, steht an einer alten, mit vielen interessanten Grenzsteinen besetzten Grenze das fast drei Meter hohe "Rote Bild". Auf einem niedrigen, mit Gras überwachsenen Sockel erhebt sich ein hoher, viereckiger, mit Eisenbändern befestigter Schaft, der oben ein gotisches Bildhäuschen trägt. Ein den First einstmals überragendes Kreuz ist offensichtlich abgeschlagen. Die Nische ist heute leer. Unter ihr ist die Jahreszahl 1524 eingemeißelt. Auf der rechten, östlichen Wand des Häuschens sieht man ein Wappenschild mit einem Hirschhorn, auf der anderen Seite ein solches mit dem Wormser Schlüssel und einem Bischofsstab gekreuzt, von einem S an der Kreuzung durchschlungen. Wir befinden uns hier auf der Grenze der Mainzer Cent Hirschhorn und des Klosters Schönau, so daß wir annehmen müssen, daß unser Bildstock neben seiner Bedeutung für die Frömmigkeit auch den Sinn eines Grenzmals besaß. Wir denken an den Brombacher Hinkelstein und an das, was wir über den Eulbacher Bildstock von 1513 sagten.
   Über den Grund zur Setzung des Bildstocks berichtet eine Sage, die Langheinz nach einer Erzählung aus Grein schon 1875 veröffentlichen konnte.
   Vor Jahrhunderten, als man in manchen Punkten weit empfindlicher war als jetzt, hatte sich eine vornehme Frau das Verbrechen des Ehebruches zuschulden kommen lassen und infolge davon Vierlinge geboren, deren Dasein natürlich dem gestrengen Eheherren absolut verborgen bleiben mußte.
  Die gewissenlose Mutter wußte keinen anderen Rat, als die Zeugen ihrer Sünde heimlich zu ermorden und dann in der Tiefe des Neckars zu bergen. Sie legte die vier Kinder in einen großen Korb, bedeckte sie mit einem Leintuch und eilte durch den dichtesten Wald, um baldmöglichst eine einsame Stelle des Flusses zu erreichen.
   Da, wo jetzt das Rote Bild steht, begegnete ihr ein Forstmann, dem es auffiel, eine so angesehene Frau in diesem wilden Walde zu finden, noch mehr aber, daß sie, der ja Knechte und Mägde zu Gebot standen, selbst einen schweren Korb auf dem Kopfe trug. Die Frage des Mannes nach dem Inhalte des Korbes beantwortete jene sichtbar bestürzt dahin, daß es junge Hunde seien, welche in den Neckar sollten geworfen werden. Diese Antwort mußte natürlich noch mehr Argwohn erregen, und als eben im glücklichen Augenblick eines der Kinder zu schreien begann, war die Verbrecherin entlarvt. Der rechtschaffene Mann rettete die Kinder und zeigte den Vorfall bei Gericht an. Die Rabenmutter wurde an derselben Stelle zu Tode geschleift; zum Andenken der Rettung der Kinder und als Warnungszeichen vor böser Tat wurde das Rote Bild errichtet.
   Die Sage von der Edelfrau, die ihre Kinder als Hunde ertränken will, ist schon sehr alt und auch weit verbreitet. Sie hängt an vielen adeligen Geschlechtern, so auch an den Welfen (Welpen = Hunde), und an vielen Familien Hund. Und hier wird uns auch klar, weshalb sich die Sage an das Rote Bild geheftet hat. Ganz in der Nähe von Neckarhausen finden sich die dürftigen Reste einer alten Burg Hundheim. An dieser Stelle schließt eine andere. Fassung unserer Sage an, die bei Jakob Bernhard, Kurpfälzer Sagenborn (1933, S.52), so beginnt: Vor langer Zeit wohnte eine stolze, hochmütige Gräfin auf der Burg Hundheim. Während ihr Gemahl an einer Fahrt in fremden Landen teilnahm, gebar die untreue Ehefrau mehrere Kinder. Sie brachte die zarten Geschöpflein, um ihre Schande zu verbergen, in einem Korb an den Neckar, wo die eisigen Fluten sie rasch getötet hatten ... Sie war beobachtet worden und wurde von dem Ritter nach seiner Rückkehr zur Strafe am Roten Bilde zu Tode geschleift. Diese zweite Fassung, die in der Beziehung zum Bildstock undeutlicher ist, insofern sie ihn voraussetzt und nicht sein Entstehen erklären will, gibt uns deutlich Auskunft, weshalb diese Wandersage gerade im Neckartal sich festgesetzt hat, eben wegen der Namenserklärung dieser Burg Hundheim. Ein Bildstock ist in keiner der vielen Geschichten von den Hunden vorhanden. Unser Rotes Bild aber ist in die Sage einbezogen worden wohl nicht nur wegen der räumlichen Nähe zur Burg Hundheim, sondern sicher auch, weil die Odenwälder Menschen das Steindenkmal im stillen Wald angesichts der Ruchlosigkeit und Unmenschlichkeit der adeligen Mutter in der Sage als eine Mahnung der göttlichen Gerechtigkeit empfanden. Dies drückt sich auch noch in einer zweiten Sage aus, die von dem Bildstock erzählt wird.
   Ein ungetreuer Vormund soll sich vor langer Zeit am Roten Bild erhängt haben, als seine Unterschlagungen nicht mehr verhehlt werden konnten. Sein Geist schweift noch heute in dem dortigen Walde umher. Man sieht ihn als einen Mann in einem langen schwarzen Mantel und mit einer großbeschildeten Kappe auf dem Haupt eilig dahergehen und plötzlich im Eichengebüsch verschwinden.
(Mößinger, Friedrich - Bildstöcke im Odenwald, in: Schriften für Heimatkunde und Heimatpflege im Starkenburger Raum, Heppenheim 1962, S.22-25)


Sühnekreuze & Mordsteine